Predigt Eröffnung der Fastenaktion

Predigt Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler

Liebe Gemeinde, normalerweise versucht ein Mensch ein ganzes Leben lang sich von seiner besten Seite zu zeigen. Das ist schön denn damit präsentiert man all seine eindrucksvollen Gaben und bewundernswerten Fähigkeiten.

Man macht durch eine glanzvolle Selbstdarstellung Eltern stolz, Partner glücklich, Freunde, Chefs und Kollegen zufrieden. Und steht gut da.

Was will man mehr?

So bin ich. Das ist zunächst einmal prima denn damit drückt ein Mann, eine Frau gut biblisch aus: Ich bin unvergleichlich.

So hat mich Gott geschaffen, unverwechselbar, einmalig.

Kinder, wenn sie glücklich aufwachsen, dürfen das lernen sich selbstbewusst und fröhlich zu zeigen. Erwachsene müssen, wenn sie das in jungen Jahren nicht durften, später nachholen.

Ab und zu, das kennen wir, versucht ein Mensch, die eigene Bedeutung dadurch hervorzuheben, dass er andere mit Worten so ein bisschen wegdrückt. Man sagt: „Die ist aber dumm und ungeschickt“, und tritt selber scheinbar besser auf. Ein oder zwei dezente Hinweise auf die Unfähigkeit eines anderen Menschen, kombiniert mit einer kleinen, aber eindrücklichen Selbstdarstellung könnten doch gut tun.

Aber wir wissen, dass dem nicht so ist. Man macht sich etwas vor, wenn man das eigene Selbstbewusstsein dadurch aufpoliert, das man mit dem Finger auf andere zeigt. Viel charmanter ist, andere nicht abzuwerten, sondern einfach man selbst zu sein. Der Evangelist Lukas hat, wir hörten es eben, gründlich aufgeräumt mit der Vorstellung, man könnte aus den Schwächen seines Nächsten für sich selbst profitieren.

Der Pharisäer steht im Tempel und fängt sein Gebet damit an, dass er andere runtermacht. Das ist tatsächlich das erste, was er sagt: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher und oder wie dieser Zöllner. Dann listet er noch schnell auf, dass er fastet und eifrig spendet. Eine üble Kombination: Denunziation und Überheblichkeit. Sich zeigen, in dem man sich selber nicht wirklich zeigt.

Dieser Pharisäer ist voll unsympathisch. So sind wir doch nicht! Wir machen das nicht, dass wir uns siegessicher präsentieren und dabei nichts von uns zeigen außer Überheblichkeit. Wir nicht. Wir machen es geschickter. Und schauen empört auf den Pharisäer: Ein Mensch, der sich wichtigmacht und gar nicht merkt, wie er wirklich drauf ist. Er zeigt nur die Oberfläche, nicht, was dahinter steckt. Wir identifizieren uns gerne moralisch mit dem Zöllner.

Der bescheidene Mann, der selbstkritisch mit sich umgeht und sehen lässt, was er alles vermasselt in seinem Leben. Der ist echt. Der ist wie wir. Ach ja? In dieser Parteinahme kann schon viel Pharisäerhaftes stecken. Schon der Impuls, auf jeden Fall auf der richtigen Seite zu stehen, unbedingt zu den Guten zu gehören, entsteht aus dem Bedürfnis nach Selbstrechtfertigung, aus dem Wunsch, total in Ordnung zu sein.

Folglich bekennt mancher vor sich selbst und anderen bereitwillig seine Mängel. Auch in der Kirche wird Bescheidenheit, Demut und Understatement gerne gefeiert. Ist man damit schon der nette Zöllner? Nein. Wir müssten uns fragen: Bin ich wirklich so zerknirscht oder kokettiere ich nur damit, dass ich ja auch meine Fehler habe? Bin ich wirklich ehrlich zu mir oder nicht viel mehr damit beschäftigt, mich ins rechte Licht zu setzen, besser dazustehen?

In besonderen Momenten sind wir wirklich der Zöllner. Wenn wir ehrlich erschrocken sind über uns, über etwas, das wir gesagt haben, weil wir die Lust zu einem Gag nicht unterdrücken konnten. Über etwas, das wir getan haben, weil wir endlich einmal zurückschlagen wollten. Man ist wirklich geschockt, dass man etwas unterlassen hat, weil man Angst hatte, dass es Anstoß erregen oder schief gehen könnte.

Das sind ziemlich unangenehme, aber wertvolle Momente, weil wir dann wirklich ehrlich zu uns sind. Wir zeigen uns. Live und in Farbe. Was im Evangelium die Rolle des Zöllners charakterisiert, ist ehrliche Umkehr. Er weiß, dass er täglich neu auf Gnade angewiesen ist. Darum sollten wir uns mit dem Zöllner verbrüdern. Er steht respektvoll am heiligen Ort, den Blick gesenkt, schlägt sich reuevoll an die Brust und bittet um Gottes Güte.

Sein Gebet ist kurz und knapp. Er weiß, was er falsch macht im Leben und wo er etwas ändern muss. Unsere Fastenaktion „Zeig dich - sieben Wochen ohne Kneifen“ würde ihm gefallen. Denn er tut genau das: Sich ehrlich anschauen, wohl wissend, wo es bei ihm nicht zum Besten steht. Der Pharisäer haut sich dagegen selbst auf die Schulter und schaut sich um, ob es ja auch alle sehen. Er glaubt offenbar auch, dass er Gott etwas vormachen kann.

Der Kirchenvater Augustinus hat einmal gesagt, dass der Vergleich der Beginn der Sünde sei und das ist es, woran der Pharisäer scheitert, nicht seine Zufriedenheit mit einigen seiner Verhaltensweisen. Da kann er sich ruhig freuen und sich fröhlich im Spiegel anschauen. Warum auch nicht? Der Sündenfall ist die herablassende Arroganz, mit der sich positioniert. Er kneift, weil er sich vor Gott und Mensch maskiert.

Und der Zöllner? Er will seine Augen nicht aufheben zum Himmel. Als Kind liebte ich ihn heiß, den Zöllner. Ich war die nichteheliche Tochter einer gesellschaftlich missbilligten Verbindung. Meine Eltern waren nicht miteinander verheiratet und ich verspürte am eigenen Leib die triefende Verachtung moralinsaurer Moralapostel. Damals liebte ich den Zöllner. Denn der Zöllner war ich: Ein kleines, von kirchlichen und weltlichen Pharisäern umstelltes Mädchen. Und ich hielt in manch schwierigen Stunden, in denen der Spott schriller Kinderstimmen mir in den Ohren gellte, daran fest, dass der liebe Gott nicht so gemein ist wie all die Kleinen und Großen mit ihrem vom Leben ahnungslosen Geschwätz. Du hast keinen Vater, sagten sie. Und: Deine Mutter ist eine Hexe. Brutaler geht es kaum.

Ich war ein kleiner, weiblicher Zöllner, der finster entschlossen Gott vertraut. Meine begeisterte Identifikation mit dem Zöllner bekam einen Bruch in der Pubertät. Luthers Beichtgebet: „Ich armer elender sündiger Mensch bekenne dir alle meine Sünde und Missetat, die ich begangen mit Gedanken, Worten und Werken, womit ich dich erzürnt und deine Strafe zeitlich und ewiglich verdient habe“ ging mir auf die Nerven.

Ich hatte gerade begonnen, Selbstbewusstsein zu entwickeln, mich vorsichtig zu zeigen, da musste ich ein Gebet auswendig lernen, in dem ich mitteilte, dass ich nur miese Seiten aufweisen kann. So habe ich das in meinen Teenagerjahren missverstanden. So kann man die Haltung des Zöllners auch im Erwachsenenalter fehl interpretieren und denken, man müsse als Protestant oder Protestantin ständig irgendwie betroffen sein.

Dann wird der Zöllner zur Karikatur aber im wirklichen Leben und nicht in der Bibel. Denn dort ist er ein wahrhaft nachdenklicher Mensch, einer, der ganz emotional kritische Distanz zu sich einnimmt und dadurch bei Gott ganz bei sich ist. Christlicher Glaube schaut nüchtern auf sich selbst und die Welt und kommt eben in großen Momenten der Einsicht wirklich zu dem Schluss:

"...ich armer, elender, sündiger Mensch". Da hat man sich vorgenommen, eine Partnerschaft gescheit zu führen und zeigt sich doch manchmal als rechthaberischer Kleingeist. Kindern will man liebevolle Mutter, verständnisvoller Vater sein und merkt, dass man den Kleinen immer wieder etwas schuldig bleibt. Politiker nehmen sich vor, dem Wohl des Volkes zu dienen und treffen doch auch wenig glanzvolle Entscheidungen.

Jeder, jede steckt in einer ganz individuellen Lebensgeschichte, muss den eigenen „point of return“ entdecken, der es möglich macht, sich wirklich zu zeigen, ohne zu kneifen. Wie wäre es, mit Hilfe unserer Fastenaktion das eigene Lebenskonzept mit dem Jesu zu vergleichen? Ihn anzuschauen und sich selbst zu zeigen, ohne zu kneifen? Was gelingt mir, für was kann ich dankbar sein? Wo kann ich mit Gottes Hilfe an mir arbeiten?

Betrachte ich den Gottessohn, so, wie er sich zeigt, entdecke ich einen Menschen, der die Wahrheit und die Auseinandersetzung darüber liebt. Der sich unmissverständlich und ohne Kneifen gegen Lüge und Unterdrückung verwahrt. Keine Versteckspiele! Kein feiges Schweigen. Gott zeigt sich. Das kann ich in der Fastenzeit dann versuchen, wenn in Ehe und Familie heikle Themen endlich angesprochen werden müssen. Jesus, der menschliche Gottessohn ist vertrauenswürdig und verlässlich – und zugleich immer für eine Überraschung gut. Man kann sich auf ihn verlassen, ohne ihn berechnen, seiner habhaft werden zu können. Ich bin sicher, er hätte heute keinen Facebook-Account, auf dem er sich in Glanz und Gloria präsentiert – nach dem Motto „heute wieder mal übers Wasser gegangen“ und „erneut ein super Wunder gewirkt“.

Er würde, wenn er sich überhaupt solcher Medien bediente, das Kreuz zeigen, das Symbol für alles, was Leiden ist. Und sich dazu bekennen. Dazu, dass er bei allen ist, die sich aus Angst verbiegen, die sich verzweifelt anpassen und krampfhaft versuchen, es allen recht zu machen. Er würde das Kreuz zeigen, trösten, wenn einer gescheitert ist und den aufrechten Gang lehren. Du brauchst nicht kneifen! Zeig dich! Wir sind und bleiben, liebe Schwestern und Brüder, bei allem energischen Wollen Pharisäer und Zöllnerinnen zugleich. Wir werden immer wieder auch scheitern, und sind auf die tägliche Chance zum Neuanfang angewiesen. So dürfen wir uns zeigen … Das ist ein Kontrapunkt zur notwendigen Selbstkritik: Sich über eigene gute Ideen, zärtliche Gefühle, leidenschaftliche Ausbrüche und gelungene Worte freuen ….

Dankbar sein, dass man nicht kneift, sondern sich aufstören lässt von den Nöten der Welt und sich zornig-begeistert für andere engagiert. Ruhig mal in den Spiegel schauen und zufrieden sein mit sich selbst – mit den guten Seiten und den kleinen Eigenheiten. Es ist so viel, womit ein jeder und eine jede von uns beschenkt ist. Den Vergleich mit anderen, Gott sei es gedankt, braucht´s nicht. Zeig´dich als Gottes Geschöpf.

Amen.

 

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