Predigt zur Jahreslosung

Predigt zur Jahreslosung (Frauenkirche Dresden)
gehalten von Frauenkirchenpfarrer Sebastian Feydt

Jahreslosung 2017:
„Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und
lege einen neuen Geist in euch.“ Ez 36,26

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder

Was wäre ein Neujahrsmorgen ohne gute Worte, ohne eine herzliche Umarmung oder einen liebevollen Kuss? Was wäre der erste Tag ohne unsere guten Wünsche für das neue Jahr? Sie gehören unbedingt dazu. Wir spüren es: Sie kommen von Herzen. Neujahrswünsche sind Herzenssache. Sie verraten etwas davon, was mir am Herzen liegt. Wonach ich mich sehne

Neujahrswünsche können deshalb ganz verschieden sein. War es bei den ersten Wünschen heute Nacht nicht auch so? Die Einen wünschen sich, dass es im neuen Jahr endlich friedlicher wird. Und dafür muss sich viel ändern. Es kann einfach nicht so bleiben, wie es ist. Andere wiederum verdrehen dabei die Augen und sagen: Bitte nicht noch mehr Veränderungen. Ich komme so schon nicht mehr mit. Das geht mir alles viel zu schnell. So oder so – wir gehen mit sehr unterschiedlichen Erwartungen in das neue Jahr.

Ich persönlich empfinde eine große Ungewissheit. Und ich bin wohl damit nicht allein. Es kann einem bange werden beim Blick auf das neue Jahr. Nicht allein angesichts der angespannten weltpolitischen Situation. Auch im Alltag ist vieles nicht mehr wie gewohnt. Die Angst sitzt uns im Nacken. Wir wägen ab, was wir lassen, was wir tun. Und so manches Gespräch mit Bekannten oder Nachbarn ist längst nicht mehr so herzlich wie in früheren Zeiten. Sind nicht unsere Worte unbarmherziger geworden? Aus vielen Herzen ist das Vertrauen gewichen

Da könnte es doch Neujahrswunsch lauten: Fassen wir uns doch ein Herz und gehen wir es beherzt an: mit mehr Vertrauen, mit etwas mehr Mut.

Aber machen wir uns damit nicht etwas vor? Ist das nicht ein frommer Wunsch? Wie die guten Vorsätze, die nach zwei bis drei Tagen bereits wieder vergessen sind? Ich bin etwas skeptisch, ob wir mit ein paar guten Ratschlägen unser Herz wirklich verändern können. Denn ich fürchte, unsere Herzen haben ihre eigene Logik. Martin Luther wusste etwas davon, als er einst schrieb:

Ein menschliches Herz ist wie ein Schiff auf einem wilden Meere, welches die Sturmwinde von allen vier Himmelsrichtungen hin und her treiben: von hierher stößt Furcht und Sorge vor zukünftigem Unglück; von dorther fährt Gram und Traurigkeit über gegenwärtiges Übel; von da weht Hoffnung und Vermessenheit im Blick auf zukünftiges Glück; von dort bläst Sicherheit und Freude über gegenwärtigen Gütern.

Schmeichelhaft ist das nicht gerade. Luther vergleicht unser Herz, also das Innerste eines Menschen, mit einem Schiff, bei dem wir selbst nur sehr begrenzt die Richtung bestimmen. Das vielmehr wie eine Nussschale von den verschiedenen Winden des Lebens hin- und hergeworfen ist.

Manchmal ist alles gut: Da gelingt dir etwas, du wirst gelobt, die Sonne scheint – dann ist das Herz hell und froh. Doch dann braucht es nur wenig, nur ein kleines Übel, und schon sieht alles anders aus. Da wird einem das Herz bang oder traurig oder wütend. Dann liegt uns etwas auf dem Herzen.

Es ist gut, wenn das Herz noch berührbar ist. Wenn man bei den Bildern aus Berlin oder Aleppo nicht einfach zur Tagesordnung übergeht. Es ist gut, wenn man ein Herz hat, das noch nicht stumpf geworden ist, das noch bluten kann, angesichts des Leids anderer Menschen, der Zerstörung von Kulturgütern, Werten und der vielen menschlichen Ruinen heute.

Es gibt ja auch die andere Erfahrung. Das Herz wird trotzig und stur, zeigt überhaupt keine Regung. Ist wie aus Stein, eiskalt. Einfach nicht mehr zu erwärmen. In Krisenzeiten verengt sich so manches Herz, zieht sich auf seine eigene Position zurück. Herzlos empfinden wir das. Es ist unbarmherzig, wenn es heißt: Was geht mich denn das an? Es ist arm, wenn jemand nur noch sich selbst sieht.

Immer wieder höre ich Sätze, die auf unsere Herzen zielen. Richtige, gute Ratschläge – etwa: es ist Zeit, dass wir unsere Lebenseinstellungen ändern. Oder: Wir müssen das und das jetzt unbedingt beherzige

Aber wer will das schon hören? Noch dazu am Anfang eines neuen Jahres?

Ganz anders klingt da die Jahreslosung: Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Da ist kein: „Du musst…“, kein Imperativ, sondern eine Zusage: Ich schenke euch ein neues Herz. Ich schenke euch das Herz, das vertrauen und – wenn nötig – richtig mutig sein kann.

Ist das ein Schlüssel für unseren Weg in das neue Jahr? Dass Gott mir so zu Herzen geht, dass ich mich traue, mir Gott so zu Herzen zu nehmen, dass sich wirklich etwas ändert? Gott zu vertrauen. Gott zuzutrauen, dass ich nicht so bleibe, wie ich bin. Gott zuzutrauen, dass nichts in unserer Welt so bleibt, wie wir es gegenwärtig erleben. Nichts, woran wir unser Herz scheinbar verloren haben. Nichts, was uns sorgt. Nicht, dass ich so ängstlich bin, oder dass ich Wut im Bauch habe.

Wie Gott Menschenherzen erreicht, das sehe ich an Jesus. Jesus hat von den Menschen in seiner Umgebung eine achtsame und liebevolle Haltung auch nicht einfach gefordert, er hat sie vorgelebt. Er hat sie hervorgeliebt; aus den Menschen herausgeliebt. Dass Menschen in der Nähe Jesu anders wurden, das hat etwas mit dem Blick zu tun, mit dem Jesus die Menschen ansieht: Es ist ein liebender Blick, der im andern immer schon ein Stück mehr sieht. Die Ungeliebten, die sieht er auf dem Weg sich zu ändern. Die im Innern ausgebrannt sind, die sieht er ihr Herz öffnen für neue Energie, für einen neuen Sinn im Leben. Und die Gebeugten sieht er sich aufrichten, in ihre wahre Größe und Schönheit. Die Prinzipienreiter sieht er heraustreten aus ihrer ängstlichen Enge. Und die Gewaltsamen, die ihre Sachen oft so brutal durchziehen, die sieht Jesus auf dem Weg in die Schule des Friedens.

Jesus sieht Menschen mit seinem Blick nicht nur äußerlich, sondern innerlich an. Es ist ein Blick, der in die Tiefe des Herzens geht. Dort, wo er hinter den Nöten die Sehnsucht der Menschen erkennt. Jesus sieht nicht nur Probleme, sondern Potentiale. Jesus sieht schon kommen, wie sich die Herzen von Menschen verwandeln können. Ein neues Herz ist ein erneuertes Herz. Ein Herz, das ich bereit bin zu zeigen. So, wie die Vielen, die seit bald zwei Jahren hier in Dresden ganz offenherzig der Aufforderung folgen: Zeig Herz statt Hetze! Zeig Herz statt Hass! 

Dem Hass begegnen lässt sich nur, indem man seine Einladung, sich ihm anzuverwandeln, ausschlägt“, schreibt die Publizistin Carolin Emcke. Dem Hass begegnen lässt sich, indem ich dieses Angebot annehme, mir mein Herz verwandeln zu lassen.

Dann muss ich niemanden aufgeben. Dann haben alle die Chance, zu einem neuen Herz und einer neue Geisteshaltung zu kommen. Und das ist dann nicht unser Verdienst. Es ist uns von Gott geschenkt. Martin Luther wusste das.

Und was ist mit den angeblich hoffnungslosen Fällen? Ja, es gibt Menschen, die werden sich nicht ändern. Wir haben Konflikte, die lassen sich momentan nicht lösen, die bleiben, auch im Jahr 2017. Aber das von Gott berührte Herz, ein neues Herz ist ein kraftvolles und starkes Herz. Es kann Spannungen aushalten und dennoch friedfertig bleiben. Es hat keine Angst vor Veränderungen und kann dennoch gelassen und unverzagt sein.Gott sagt uns am Beginn des neuen Jahres zu, dass er uns verwandeln will. Mit unserem Leben, mit unserem Zweifel, mit den Fehlern, mit unserem Versagen. Und dass er uns zu einer neuen Haltung finden lässt.Menschen können sich ändern.

Amen.

 

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